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aus dem Bereich "Kurzgeschichten"
Kurzgeschichte Nr.15
vom 7ten Dezember 2025
Der letzte Entschluss
Es gab keine Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Das deprimierte Marianne sehr. Hätte sie damals
doch bloß anders entschieden... Aber damals wusste sie es nicht besser. Sie dachte sich, daß normale
Menschen maximal einmal in ihrem Leben die Möglichkeit erhalten, viel Geld zu besitzen, und
damit dann völlig überfordert sind und schlussendlich diesen einmaligen Besitz falsch investieren
und so wieder verlieren. Reiche Menschen dagegen haben große Vorbilder in ihrer Familie, können
mit der Vermögenssituation ganz viel Erfahrungen sammeln und sich teuer beraten lassen und
finden so ihren Weg, das Geld sicher zu behalten und zu mehren.
Manchmal war sie sich nicht sicher, ob sie Geld vielleicht hasste... Nie hatte sie auch nur den
geringsten Cent angespart,- ging immer gleich auf Null. Keine Ersparnisse, keine Absicherung für
das Alter,- dabei war die Altersabsicherung in dem Land, in dem sie lebte, keine sichere Sache!
Aber nichts war sicher: auch nicht die Gesundheit. Was, wenn sie wirklich gebrechlich werden
würde und Hilfe im Alltag benötigte? Wer würde ihr dann beistehen? Sie hatte regelrecht Angst vor
ihren letzten Lebensjahren und dachte immer wieder daran. Das ist nicht gut, sagte sie sich, von
diesen negativen Gedanken kriegst du noch Krebs!
Wie oft sah sie traurige Menschen in der Öffentlichkeit. Gerade heute wieder einen alten Mann, der
in gebückter Haltung ganz langsam zu Fuß unterwegs war... Das Gesicht dem Boden zugewandt,
krummer Rücken und die zur kalten Jahreszeit unpassende Sonnenbrille schief auf der Nase. Der
Gesichtsausdruck war mitleiderregend: er schien die gesamte Gram des Alters auszustrahlen.
Einsamkeit, Einschränkung, Hoffnungslosigkeit. Marianne hatte schon lange die Vermutung, daß
Deutschland, gerade weil es so modern ist, nicht zu den glücklichen Nationen dieser Welt gehört.
Die Zivilisation brachte eben nicht nur Fortschritt, sondern bedeutete auch, daß viele Dinge, die
sich in der Vergangenheit kleine Unendlichkeiten lang bewährt hatten, nun fehlten,- bitterlich.
Heute Nacht hatte sie einen Traum, der ziemlich wundersam war: sie hatte vom Weltall geträumt...
Davon, daß sie darin umherfliegen könnte und alle möglichen Planeten besucht hätte. Auf jedem
dieser Globen war Leben: quietschebunt, vielfältig und fantastisch. Das Alter gab es dort nicht. Alle
Bewohner waren gleichalt, mit einer Persönlichkeit, die zwischen kindlich und erwachsen hin und
herwechselte, aber eben nie weise und wirklich lebenserfahren war. Das war gruselig gewesen!
Marianne schauderte, wenn sie an diese hyperaktiven Welten aus ihrem Traum zurückdachte...
Dabei war das Alter doch so wertvoll! Zuminest war es das früher einmal. Damals waren die Alten
noch in ihre Familien-Clans eingebunden und nicht zu anderen Rentnern in ein Heim abgeschoben.
Damals hatten sie noch Kontakt zu jüngeren Menschen und lebten mitten unter Familienmitgliedern
jeden Alters, hatten also auch Kontakt zu Kindern, ja sogar zu Babys. Heutzutage sind die Ältesten
meistens unter sich, weil sich die Jugend nicht mehr für sie interessiert. Für die junge Generation
sind die Alten spießig, langweilig und mühsam. Früher galten sie als weise, humorvoll und frech,
und hatten gerade zu Jugendlichen und Kindern einen besonderen Draht.
Marianne beschloss, daß sie einfach nicht mehr über traurige Dinge nachdenken würde, weder über
das verlorene Geld, noch über Einsamkeit im Alter,- das führte eh zu nichts. Vorerst erleichtert
atmete sie einmal tief ein und wieder aus. In diesem Moment hörte ihr Herz auf zu schlagen. Erst
wurde ihr schwindelig und dann brach sie zusammen. Wie schön ist doch die Farbe Grün, dachte sie
sich noch, dann war sie tot.
HvvH
Entstanden in
Neugreußnig (Ebersbach) bei Döbeln
- Sachsen -

